Martin Schotte

Martin Schotte

Überlebender und Autor

„Mein Überlebenswille und die Unterstützung meiner Familie haben mich zurück nach Addenbroke Island geführt.“

Der Flugzeugabsturz

Dieser Tag begann für uns wie ein normaler Tag – und doch sollte er sich als einer der prägendsten Tage meines Lebens herausstellen.

An diesem 26. Juli 2019 wollten wir von Richmond in British Columbia zu einer abgelegenen Fishing Lodge am Hakai Pass in der Nähe von Bella Bella fliegen.

Im Grunde war dieser Flug die einzige Möglichkeit, diese abgelegene Lodge zu erreichen.


Voller Vorfreude machten wir uns auf den Weg, denn vor uns lag ein Abenteuer, auf das wir monatelang hingefiebert hatten: ein Männertrip der besonderen Art, wild, intensiv, naturverbunden – einfach unvergesslich. Dass er auf so tragische Weise in Erinnerung bleiben würde, hätte keiner von uns geahnt.

Wir erreichten den kleinen Abflugterminal der regionalen Airline deutlich früher als nötig. Die Aufregung ließ uns keine Ruhe – wir wollten keine Minute verpassen.

Als Erste am Gate hatten wir genügend Zeit, den Ablauf zu beobachten, das Flugzeug zu bestaunen und diese besondere Stimmung aufzusaugen, die nur an kleinen, abgelegenen Flughäfen zu spüren ist.

Alles wirkte vertraut. Immerhin hatten wir diese Reise schon einmal gemacht – und wussten, was uns erwartete. Der Gedanke, in nur eineinhalb Stunden wieder mitten in der unberührten Wildnis zu stehen, versetzte uns in euphorische Stimmung.

Harald und ich saßen diesmal leider nicht nebeneinander. Ich hätte ihm gerne während des gesamten Flugs Gesellschaft geleistet, aber die Sitzplatzvergabe ließ das nicht zu.

Dennoch war die Vorfreude ungebrochen. Das Wasserflugzeug – eine Cessna Caravan – war dasselbe Modell wie bei unserem ersten Flug.

Ich war wie beim letzten Mal fasziniert vom Startvorgang: das Rumpeln auf der Wasseroberfläche, das langsame Abheben, bis wir schließlich über die Weite der faszinierenden Landschaft hinwegschwebten.

Im Inneren war es laut, rau – fast schon archaisch –, aber das störte mich nicht. Der Blick aus dem Fenster entschädigte für alles: endlose Wälder, glitzernde Bergspitzen, eine Natur, die so unberührt wirkte, als sei sie seit Jahrhunderten unverändert geblieben.

Die ersten zwei Drittel des Flugs verliefen ruhig, fast meditativ. Alles erinnerte an unseren ersten Trip. Doch dann, etwa eine halbe Stunde vor der geplanten Landung, schlug das Wetter unvermittelt um.

Der Himmel, eben noch freundlich und offen, verdunkelte sich rapide. Innerhalb weniger Minuten zog ein dichter Wolkenband auf, begleitet von heftigen Windböen.

Das Flugzeug wurde unruhig, begann zu ruckeln, zu vibrieren. Es war, als habe jemand einen Schalter umgelegt – aus Entspannung wurde Anspannung.

Die Sicht wurde schlechter, zuerst bemerkte ich am rechten Fenster vorbeihuschende Baumwipfel. Zu nah. Viel zu nah.

In dem Moment begriff ich, dass etwas nicht stimmen konnte,  Sekunden später – oder waren es nur Herzschläge? – ertönte ein ohrenbetäubender Geräusch. Wir waren mit voller Wucht in die Baumkronen gerast. Äste zersplitterten, Metall kreischte, der Rumpf wurde herumgeschleudert. Dann folgte der eigentliche Aufprall.

Die Maschine krachte mit erschütternder Gewalt auf den Waldboden der kleinen Insel, umgeben von dichtem, urwüchsigem Forst.


Diese wenigen Sekunden – zwischen dem ersten Kontakt mit den Bäumen und dem endgültigen Absturz – dehnten sich in meiner Wahrnehmung zu einer Ewigkeit.

Jeder Sinn war geschärft, jedes Geräusch wurde zu einer erschreckend klaren Erinnerung: das Knacken von Holz, das metallische Bersten, das panische Keuchen und Schreien. Und dann – Stille.

Nur noch Stille und der schreckliche Gedanke: Ist das das Ende?

Von der Tragödie zurück ins Leben

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